Metaphysik des Sexus
Von Walter Heinrich
Evola hat mit seiner Eroslehre ein ganz, großes, achtungsgebietendes Werk vorgelegt. Es ist ein reifes Alterswerk, vielleicht Evolas reifstes Werk überhaupt. Nur ein Mann seines Wissens, seiner Quellen- und Sprachkenntnisse konnte den schier unüberschaubaren Stoff aus Ethnologie und Religionsgeschichte, Mythologie, Folklore und Dichtung, aus Mysterien- und Initiationskulten, aus dem Sittengut und Brauchtum der Naturvölker, aus den hermetischen und den magisch-mystischen Riten der Geheimbünde bändigen.
Aber noch bedeutsamer als der kulturhistorische Gehalt des Buches und damit die Leistung des Historikers und vergleichenden Religionswissenschafters erscheint uns der metaphysische Gehalt und damit Evolas untrügliche philosophische Intuition, mit der er die Sakralität des Geschlechtlichen erweist und das “Über-das-Physische-hinaus-”Weisende selbst der profanen Liebe ergründet.
Evola löst seine ebenso schwere wie heikle Aufgabe mittels einer sich in mehreren Schichten vertiefenden Analyse. Aber schon zu deren Beginn hält er alle Fäden der Lösung in der Hand durch seine Anknüpfung, die für jede Eroslehre unabdingbar erscheint: an die Erosmetaphysik Platons von der ursprünglichen ungeschiedenen Ganzheit des Menschen, die sich Evola – nicht ganz übereinstimmend mit Platon, natürlich aber auch nicht entscheidend von ihm abweichend – nur unter dem Aspekt der Mann-Weiblichkeit, also der Androgynität darstellt.
Die erste Schichte der Evolaschen Analyse bietet das erste Kapitel seiner Darstellung, “Eros und sexuelle Liebe” überschrieben. Die Darlegung dieses Abschnittes beginnen mit der Zerstörung des “evolutionistischen Vorurteils”: “Unser Ausgangspunkt ist nicht die moderne Theorie der Evolution, sondern die traditionsgebundene Theorie der Involution. Für uns ist es nicht so sehr wahr, daß der Mensch durch Evolution vom Affen abstammt, als vielmehr, daß der Affe durch Involution vom Menschen abstammt… Wir werden die menschliche Sexualität nicht als eine Weiterentwicklung der animalischen ansehen, sondern wir betrachten und erklären die animalische Sexualität – als solche, bei den Tieren, und wie sie gelegentlich auch beim Menschen vorkommt – als Abgeleiten und als Regression eines Impulses, der nicht der biologischen Sphäre zugehört. So liegen, metaphysische gesehen, die Dinge in bezug auf den sogenannten ‘Fortpflanzungstrieb’ und das ‘Leben der Gattung’. Sie stellen auf keinen Fall das Primäre dar; sie sind Derivate.” Schon in diese Sätze sind echter Evola, sie zeigen seine Gedankenführung in ihrer vollen Größe.
Weiterhin zergliedert Evola in diesem Abschnitte das Verhältnis von “Liebe und Sexus”, “Eros und Fortpflanzungstrieb”, “Eros und Luststreben”; handelt über den “Mythos des ‘Genius der Gattung’, “Über die ‘Wollust’” und die “magnetische Theorie der Liebe”, über “Die Stufen der Sexuierung”. Er führt diese Untersuchungen zum Höhepunkt in der Unterscheidung zwischen “innerem Geschlecht und physischem Geschlecht”: “So können alle jene hormonalen Manipulationen nekromantischer Art, denen sich die modernen Biologen verschrieben haben – wobei sie sich auf den Gedanken stützen, daß der Sexus von nichts anderem als einer jeweiligen ‘Hormonformel’ abhängt – bedeutende Veränderungen der wahren Merkmale des Geschlechtes nur bei den Tieren und bei menschlichen Wesen erzielen, die innerlich wenig differenziert sind, d.h. also nicht bei vollständigen ‘typischen’ Männern und Frauen. Die Relativität der Bedingtheiten von unten her ist sogar in einigen Fällen bei Kastraten festgestellt worden;…”
So bringt diese erste Schicht der Analyse die Abhebung des Eros vom physischen Geschlecht, “von den biologischen Bedingtheiten von unten her.”
Nach diesen klärenden Vorarbeiten entwickelt Evola im zweiten Kapitel, “Metaphysik des Sexus” betitelt, seine Eroslehre in fünf Teilabschnitten. Sie sind überschrieben: “Der Mythos des Androgynen”; “Der Eros und die Spielarten des Rausches”; “Biologisierung und der ‘Fall’ des Eros”; “Aphrodite Urania. Der Eros und die Schönheit”; “Die Brunst. Der Mythos von Poros und Penia”.
Deren Ergebnisse faßt er folgendermaßen zusammen: “Die wesentlichen Bezugsquellen der Metaphysik des Sexus sind nun fixiert worden. Zusammenfassend können wir sagen, daß wir mit Bezug auf den Mythos des Androgyns vor allem den metaphysischen Sinngehalt des Eros als grundlegendes Faktum klargestellt haben. Dann haben wir den Zustand bzw. das Erlebnis des Eros, der diesem Sinngehalt (Streben zur Reintegrierung, zum Sein, zum nicht-entzweiten Zustand, aus dem die Menschen abgestürzt sind) Genüge tut, in einen weiter gefaßten Zusammenhang hineingestellt, indem wir ihn neben andere Formen der Verzückung und der aktiven desindividualisierten Exaltiertheit stellten, von denen die antike Welt glaubte, sie könnten in der einen oder anderen Form, in dem einen oder anderen Maß, die Bedingtheiten des Menschen aufheben und zu Kontakten mit dem Übersinnlichen führen. Indem wir die platonische Unterscheidung wieder aufnahmen und weiter entwickelten, haben wir dabei jedoch einen Unterschied gemacht zwischen einer mania, die von unten, und einer mania, die von oben bestimmt ist, und haben auf die entsprechende Zweiwertigkeit des Ekstatischen hingewiesen. Dann haben wir die Metaphysik des ‘Weiterlebens in der Gattung’ und ‘Fortpflanzungstriebes’ aus einer willkürlichen Verschiebung des im Eros liegenden ursprünglichen Sinngehaltes, nämlich des Willens zum absoluten und unsterblichen Sein, abgeleitet. Unter ebendemselben Gesichtspunkt, als extremere unwillkürliche Entwicklungsstufen, haben wir die Sexualität der Tierwelt kurz betrachtet: auch hier hat uns die Metaphysik den Schlüssel zur Biologie geliefert, gleichfalls aber auch für die Kompensation, die der Durchschnittsmensch sich im vergesellschafteten Sexualleben schafft. Eine angemessene Interpretation des Mythos von Poros und Penia hat es uns schließlich ermöglicht, die Struktur jener Kraft zu erahnen, die in ihrer heillos fortdauernden Einbuße den ewigen Kreislauf der Zeugung speist, zu dem trotz allem unter dem Zeichen des Bios der dem gespaltenen Sein innewohnende Impuls führt, so daß es nie enden kann.”
Wir sehen, wie Evola hier von den niemals in die Irre führenden platonischen Wurzeln seiner Gedankenführung her eine metaphysische Eroslehre folgerichtig entwickelt und wie unendlich fruchtbar er seine traditionelle Methode anwendet, der zufolge das Metaphysische das Physisch-Biologische führt und prägt und daher auch zu erklären vermag. Es spricht für die Große und den Wahrheitsgehalt dieses Evolaschen Gedankengebäudes, daß auch hier das in der Geistesgeschichte der Menschheit so häufige Ereignis eingetreten ist, daß in verschiedenen Sprachkreisen und völlig unabhängig voneinander die gleiche Metaphysik des Eros entworfen worden ist, in beiden Fällen von dem so unendlich fruchtbaren Strom gespeist, der in Platons Gastmahl und seiner Eroslehre entspringt. Die gleiche Metaphysik des Eros wie Evola – aber ohne daß Evola sie kennt und auch ohne daß ihr Schöpfer die weitreichenden Folgen daraus zog, wie Evola das vermag – hat nämlich im deutschen Sprachkreis Hans Blüher geschaffen: begründend in seinen beiden Bänden “Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft – eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert” (Jena, I 1919 und II 1921) ; und schließlich in den weitesten philosophischen Zusammenhang stellend in seinem Alterswerke “Die Achse der Natur. System der Philosophie als Lehre von den reinen Ereignissen der Natur” (Hamburg-Bergedorf 1959) und “Parerga zur Achse der Natur” (Stuttgart 1952).
In der nächsten Schichte seiner Darlegungen erbringt Evola den Nachweis, daß die von ihm entwickelten Erosmetaphysik, “sich bei der Analyse verschiedener Aspekte und Mischformen in der Phänomenologie” sogar “des profanen” Eros bewähre. Dieser Aufgabe dient das ganz dritte Kapitel seines Werkes , “Transzendenz-Erscheinungen in der profanen Liebe” überschrieben. Man könnte dessen Wanderung durch die Höhen und Tiefen des menschlichen Wesens und durch das Labyrinth der menschlichen Seele mit einem Worte überschreiben, das Evola bereits in der Einleitung zitiert: “Die Tatsache, daß die Menschen die Liebe ebenso ausüben wie sie beinahe alles andere ausüben, nämlich dumm und unbewußt, ändert nichts daran, daß ihr Mysterium die Würde behalten hat, die ihm zusteht” (S. Péladan: La science de l’amour, Amphithéatre des sciences mortes, Paris 1911).
Das vierte und fünfte Kapitel des Werkes scheint uns als nächste Schichte der Analyse jene des religiösen Bereiches freizulegen, den Bereich des sakralen Eros. Sie sind überschrieben: “Götter und Göttinnen, Männer und Frauen” sowie “Sakralisierungen und Evozierungen”. Hier zeigt sich Evola in seinem ureigensten Element und entwirft unter dem Aspekte seiner Metaphysik des Eros ein wahrhaft grandioses religionsgeschichtliches Panorama. Der Besprecher meint, daß keiner auch der größten Religionswissenschafter unserer Tage diese Leistung hätte zustande bringen können, die Evola hier vollbringt. Die Darlegungen bringen im vierten Kapitel eine “Mythologie des Mannes und der Frau” und reichen von den Unterabschnitt “Mythologie, Ontologie und Psychologie” bis zu jenem “Über die Ethik der Geschlechter”, im fünften Kapitel von den Unterabschnitten über “Die Ehe als ‘Mysterium’ in der traditionsgebundenen Welt”, über “Das Christentum und die Sexualität”, “Die sakrale Prostitution. Die Hierogamien” bis zu jenen über “Evokationen in der höfischen Liebe des Mittelalters” und “Über die initiatorischen Erfahrungen der ‘Getreuen der Liebe’”. In einem Anhange zu diesem fünften Kapitel handelt Evola “Über den Sinngehalt des Hexensabbats und der ‘Schwarzen Messen’” und über “Die Lehre von Androgynen in der christlichen Mystik”. Im sechsten Kapitel, “Der Sexus im Bereiche der Initiation und der Magie” überschrieben, betritt die Analyse Evolas den überreligiösen Bereich, eben jenen der Initiation und der Magie unter dem Aspekt des Eros.
Der Kenner des Evolaschen Gesamtwerkes findet hier eine Zusammenfassung seiner zahlreichen einschlägigen Untersuchungen. Evola bespricht in diesem letzten Kapitel u.a.: “Die Techniken der endogenen Umwandlung im Kundalini-Yoga und im Taoismus”, den “Sexus in der Kabbala und in den Eleusinischen Mysterien”, “Die sexuellen Praktiken im Tantrismus”, “Araber und hermetische Symbolik”, endlich “Die Vorbedingungen für die operative Magia sexualis”.
Das Neue gegenüber den früheren Werken Evolas ist in diesem Kapitel die großartige Zusammenfassung unter dem Gesichtspunkt der metaphysischen Wesenheit des Eros und der jeden Zweifel besiegende Nachweis von dessen alles Physische, Biologische, Nur-Psychologische überschreitenden Artung.
Der Besprecher ist da jüngst in dem Werk von H. D. F. Kitto, Die Griechen, von der Wirklichkeit eines geschichtlichen Vorbildes (Fischer-Bücherei, Frankfurt am Main – Hamburg 1960) auf eine Stelle gestoßen, die dem großen Werk von Evola als Motto überschrieben werden könnte: “Die Griechen kannten mystische Ekstase und suchten sie in den Kulten des Dionysos, aber das war eine Seite eines festen Systems. Auf dem Hintergrunde der Legende, daß Apollon drei Monate des Jahres Delphi verließ und Dionysos seine Stelle einnahm, steht eine tiefe Wahrheit, Euripides malt das Bild eines Fanatikers – es ist Hippolytos, der unberührte Verehrer der unberührten Göttin Artemis; er will der Liebesgöttin Aphrodite keine Ehre erweisen. Er ist einer, aus dem das Mittelalter einen Heiligen gemacht hätte; Euripides macht eine tragische Mißgestalt aus ihm; der Mensch muß beide Gottheiten verehren, auch wenn sie sich noch so feindlich gegenüberstehen. Hippolytos wird durch Aphrodite, die er verachtet hat, vernichtet, und Artemis, die er verehrt hat, kann nichts für ihn tun.” Ein ungemein reicher Anmerkungsapparat, der seinerseits neue und überraschende Einsichten vermittelt – ein Dokument von Evolas erstaunlicher Belesenheit und Quellenkenntnis -, beschließt dieses große Werk, dem der angesehene Verlag Ernst Klett auch eine würdige äußere Gestalt gegeben hat. Evola hat mit diesem seinem Werke über “Metaphysik des Sexus” einen mächtigen Damm gegen die schwärende Wunde unseres dunklen Zeitalters aufgerichtet, gegen die Gynokokratie und gegen die Pandemie des Sexus.
