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Über Evola ↩

Menschen inmitten von Ruinen

Von J.H. Pichler

Vorliegende, zweifellos verdienstvolle Ausgabe des seinerzeit schon im italienischen Original (“Eli uomini e le rovino”, Rom 1953) Aufsehen erregenden gesellschaftskritischen Werkes von Julius Evola wird eingeleitet mit einer Einführung in Evolas politisches Wirken und, damit verknüpft, in das Gesamtwerk mit seinen weitreichenden Bezügen. Der Autor dieser Einführung, H. T. Hansen, will “so zu einem größeren und besseren Verständnis des Gesamtwerkes dieses Kulturphilosophen beitragen”. Er skizziert zunächst die entscheidenden Einflüsse auf das Denken Evolas, weiters seine künstlerischen Erfahrungen, seine Befassung mit der “akademischen” Philosophie (geprägt vor allem durch die idealistische Tradition der philosophia perennis von Platon bis zum Deutschen Idealismus) und schließlich seine “Schritte in die Politik” in deren unterschiedlichen Facetten (so u.a. seine Beziehungen – oder mehr eigentlich noch Distanz bzw. Abgrenzung gegenüber – Faschismus, Nationalsozialismus sowie einem geistig unfundierten Rassismus).

Diese an die 130 Seiten umfassende, mit vielen Zitaten auch belegte Darstellung bietet zugleich eine ausgezeichnete Wegweisung in die Gedankenwelt und das Werk Evolas. Sie schließt bezeichnenderweise mit seiner nachhaltigen Warnung vor einem gesellschaftlichen Versumpfen des “bürgerlichen Geistes” in einer im Kern jeden Staatsgefüges gedeihenden Bürokratie als “typische Vertreterin der ‘politischen Bourgeoisie’” sich verkörpernd in den “Formen eines wahrhaften bürokratischen Feudalismus”. Die dem innewohnende eigentliche Gefahr ortet Evola letztlich jedoch im heutigen – innerlich bolschewisierten und äußerlich konsumhingegebenen – Menschen selbst: “Der ‘äußere Feind’ hat nur deshalb Siegeschancen, weil ein ‘innerer Feind’ in uns selbst mit ihm kollaboriert… Denn nur wer sein Inneres beherrscht, kann auch sein Äußeres beherrschen.” Mit diesem gesellschaftskritischen Appell wird das Tor gewissermaßen aufgestoßen zum Kern des Werkes selbst, dem eine kurze Vorbemerkung von Evola sowie ein ausführliches Vorwort des Evola-Kenners J. Valerio Borghese vorangestellt wird. Borghese charakterisiert im Lichte einer “zunehmenden Krise höherer Werte” das Buch als einen Protestschrei größter Aufrichtigkeit und äußersten Mutes”, gleichzeitig aber auch als den Versuch, “die Grundlagen zum radikalen Wiederaufbau einer kulturellen Wirklichkeit aufzuzeigen, die durch … das auflösende Wirken des Materialismus in allen seinen Schattierungen zerrissen wurde”.

Gegenüber solcher “Zerrissenheit”, welche das gesellschaftliche Ruinenfeld von heute kennzeichnet, versucht Evola den tradierten zeitlosen Schatz abendländischer Wertinhalte als Orientierungen und Ansatzpunkte zugleich einer möglichen geistigen Erneuerung für die Gegenwart zu heben und fruchtbar zu machen. In diesem, das ganze Buch inhaltlich durchwirkenden Anliegen weist er so u.a.: auf Wahrung und die rechte “Wahl von Tradition”, weist er auf die Unverzichtbarkeit von Werten wie Autorität, Persönlichkeit und Hierarchie mit der Legitimation zugleich einer “Aristokratie” des Geistes, ferner auf die Notwendigkeit eines Rückhalts in und aus der Tradition auch für Wirtschaft und Politik, auf die gesellschaftliche Rolle von Berufsständen in der Vermittlung eines überhöhenden Sinnes von “Einheit der Arbeit”, letztlich – und im besonderen – auf ein “Form und Voraussetzungen”, unter Besinnung auf seine geistigen Wurzeln und Wertinhalte zu formendes Europa mit der Vision von einem “Reich”, nicht bloß einer “Nation” Europa; und zwar “eines Reiches im wahren und organischen Sinne … wie z.B. ehemals in der mittelalterlichen Ökumene. In ihr fand sich die Einheit wie auch die Vielfalt.” Seine Würde erlange dieses Reichsprinzip jedoch nur, “wenn es über den politischeren Bereich im engeren Sinne herausgeht … sich auf eine Idee, eine echte Tradition … gründet und sich daraus legitimiert”. Wenn das “Ganze” sich somit als ein “Organismus bestehend aus Organismen” darstellte nach eben “organischer Art”, nicht als “ein führerloser bloßer Zusammenschluß. Das sind die wesentlichen Züge des Reiches im eigentlichen Sinne”.

Beschwörend geradezu schließt Evola diese seine Betrachtung, wenn er im Blick auf das “Einswerden für Europa” aufzeigt und fordert zugleich, daß die Voraussetzung schlechthin für ein Weiterbestehen anders sich darstellen müsse, “denn als leerer geographischer Begriff auf derselben materiellen Ebene wie die Mächte, die die Welt zu beherrschen suchen.” Demgegenüber gelte es, “dem möglichen einigen Europa … eine feste Grundlage, einen tieferen Sinn und einen organischen Charakter” zu verleihen. Nach Art eines “doppelten Imperativs” hieße dies: einerseits “gegen die im allgemeinen so bezeichnete ‘moderne Kultur’ … im Sinne einer geistigen und psychischen Entgiftung Stellung zu beziehen, und andererseits geht es um die Art von ‘Metaphysik’, auf die sich heute ein sowohl nationales als auch übernationales europäisches Prinzip wahrer Autorität und Legitimität überhaupt stützen kann.” Angesichts solcher Forderung bleibt zu sehen allerdings, “welche und wieviele Menschen … inmitten so vieler Ruinen noch aufrecht stehen”, um sich diesen doppelten Imperativ “zu eigen zu machen.”

Niedergeschrieben immerhin bereits 1953, ist der darin enthaltenen und nach wie vor – ja heute vielleicht mehr denn je – gültige Aufruf für eine notwendige geistige Wiederbesinnung Europas auf seine tradierten Werte im ureigensten Sinne wohl kaum eindringlicher und nachhaltiger zu formulieren.
Indirekt in gewisser Weise zusammenhängend mit Inhalt und Aussage des Werkes selbst, ist als Anhang die eindrucksvolle “Selbstverteidigung” Evolas im Zuge seines politischen Prozesses im Jahre 1947 beigefügt, die dem Band eine Art sokratischen Aus- und Nachklang verleiht.

Eine sorgfältig zusammengestellte “Bibliographie” der auf Deutsch erschienenen Bücher und Aufsätze Evolas findet sich am Schluß.

aus: Zeitschrift für Ganzheitsforschung, 3/1992.