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Über Evola ↩

Julius Evola – Ein Irrlicht der Konservativen Revolution

von Theodor Wieser

Julius Evola, so erzählen seine Freunde, wollte im Juni 1974 den Tod aufrecht wie ein Held empfangen und ließ sich im Rollstuhl ans Fenster seiner römischen Wohnung bringen, mit dem Blick auf den Gianicolo, wo die alten Römer einst Janus, den zwiegesichtigen Gott des Übergangs, verehrt hatten. Eine Geste im Stil des Mannes, der als Ideologe der äußersten Rechten Italiens verrufen war. In diesen Jahren findet sein Werk neues Interesse, über den Zirkel seiner Getreuen und Verehrer hinaus.
In Bücherständen am Rand von Parteikongressen der italienischen Neofaschisten konnte man in den siebziger Jahren unter Parteidokumenten und ideologischer Propaganda aller Art auf Werke von Julius Evola stoßen, anspruchsvolle Texte mit esoterischen Perspektiven. Der neofaschistische Parteichef Almirante rühmte ihn damals halb ironisch als den “Marcuse der Rechten”. Evola galt als geheimer Inspirator rechtsradikaler Kampfgruppen. Im Jahr 1951 hatte er ein halbes Jahr in Haft gesessen, angeklagt, die “Fasci d’azione rivoluzionaria” (FAR) zu ihren Gewalttaten angestiftet und sich damit der Wiederherstellung der verbotenen Faschistischen Partei schuldig gemacht zu haben. Es fiel ihm leicht, im Prozeß nachzuweisen, daß er weder faschistischen noch neofaschistischen Organisationen angehört hatte.
Zwanzig Jahre nach Evolas Tod werden seine Bücher wieder aufgelegt – in den Edizioni Mediterranee (Rom) und in anderen italienischen Verlagen. Sie erscheinen auch in Übersetzungen, vor allem in Frankreich, wo er immer eine treue Leserschaft besessen hatte. Mit dem Ende der ideologischen Hegemonie des Marxismus im italienischen Kulturleben gewinnen Ideen der traditionellen Rechten neue und breitere Attraktion. Der politische Rechtsruck im Frühjahr mit dem Einzug der bisherigen Neofaschisten in die Regierung hat eine eifrige Suche nach den Gründen und Inhalten dieses Aufschwungs im rechten Spektrum ausgelöst. Auch Evolas Werk profitiert von dieser Spurensuche. Selbst Philosophen und Politologen, die nicht zum linken Lager zählen, beschäftigen sich heute mit den Ideen Evolas, der bisher nur als politisch verrufener faschistischer Eigenbrötler und Kulturkritiker gegolten hatte.

VOM DADA ZUR FERNÖSTLICHEN ESOTERIK

Evola, 1898 in Rom geboren, Artillerieoffizier im ersten Weltkrieg, veröffentlichte 1920 sein erstes Werk unter dem Titel “Arte Astratta” in der Züricher “Sammlung Dada”: eine theoretische Standortbestimmung, zehn Gedichte und vier Kompositionen. Die Texte und Gemälde des jungen Avangardisten sind erst in jüngerer Zeit wieder entdeckt worden; ein Bild hängt in der Nationalgallerie für moderne Kunst in Rom neben futuristischen Meistern. Evola selber, ein dandyhafter Baron mit Monokel, wendet sich Anfang der zwanziger Jahre ab von Literatur und Kunst, nimmt ein Ingenieurstudium auf, das er aber nicht abschließt.
Er beschäftigt sich intensiv mit Philosophie, schreibt eine “Theorie des absoluten Individuums” (1927) und eine “Phänomenologie des absoluten Individuums” (1930). Die Studien entwerfen einen magischen Idealismus, einen extremen Ich-Kult, der nicht zufällig an deutsche Spätromantiker erinnert – und darum auch politisch eine konservative Wendung vorbereitet. In die Ahnenreihe gehört nicht nur Max Stirner, sondern auch Carlo Michelstaedter aus Goerz, der 1910 freiwillig aus dem Leben schied und eine Theorie von der “persuasione”, der geballten Überzeugung des sich selbst genügenden Individuums, hinterließ. Ein Ideal des absoluten Ich wird aufgerichtet, das mit gesammelter Geisteskraft den Kampf gegen den unabwendbaren Untergang aufnimmt.
Evola bereitet mit diesem überhöhten späten Idealismus den Boden für eine Esoterik östlicher Herkunft. Sein Meister, der “Descartes esoterischer Studien”, ist auf diesem Weg der französische Orientalist René Guénon. Ende 1926 bildet sich in Rom der “Gruppo di Ur”, der sich in esoterischen Studien und Initiationsriten übt, Hefte herausgibt, später unter dem Namen “Krur”. 1929 zerfällt die heterogene Gruppierung. Werke Evola wie “La Tradizione ermetica” (1931), “Il mistero des Graal” (1937) und “Lo Yoga della potenza” (1949) haben sich bis heute in Übersetzungen und Neuauflagen im esoterischen Schrifttum behauptet.

HEROISCHE TRADITION GEGEN DIE MODERNE

Mit der großen historischen Abhandlung “Rivolta contro il mondo moderno” bezieht Evola 1934 radikal Stellung gegen die Moderne und verschanzt sich in einer Welt der Tradition jenseits der Historie. Eine deutsche Neuausgabe ist 1993 im Arun-Verlag Vilsbiburg erschienen. Jenseits des Christentums wird eine hieratisch-sakrale Welt entworfen: das frühe Rom der Mysterien und Mythen ist Evolas Heimat. Ein Glanz jenes Ursprungs liegt noch auf dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, auf dem Gibellinentum des Mittelalters.
Doch dann setzt der verhängnisvolle Abstieg ein mit Humanismus, Renaissance, Reformation und Aufklärung. Die Französische Revolution bringt die entscheidende “Entfesselung der europäischen Volksmassen”. Die letzten elitären Reste des Ancien regime werden weggeschwemmt. Liberalismus und Marxismus, Amerika und Rußland, “Theokratie der Rentabilität” und totaler Materialismus der Massen behaupten das Feld. Der Zusammenbruch des Sowjetreichs hat dieses Klischee der Symmetrie allerdings außer Kraft gesetzt.
Dem globalen Niedergang setzt Evola den heroischen Einzelnen entgegen, der in der Welt der Tradition verankert ist, sich in einer Kultur des Seins behauptet und nicht dem Werden verfällt: “Am Rande der großen Weltströmungen gibt es noch Menschen, die in den ‘unbeweglichen Landen’ verankert sind. Es handelt sich in der Regel um Unbekannte, die sich aus den Nichtigkeiten der Berühmtheit und der modernen Zivilisation heraushalten. Sie verteidigen die Gipfellinien und gehören nicht dieser Welt an. Wenn sie auch in der Welt zerstreut leben und häufig nichts voneinander wissen, sind sie doch unsichtbar vereint und bilden ein unzerreißbare Kette im Geist der Tradition. Dieser innerste Kern handelt nicht: er hat nur die Aufgabe, die der Symbolik des ‘ewigen Feuers’ entspricht. Dank ihm ist die Tradition trotz allem gegenwärtig, brennt die Flamme unsichtbar, und etwas verbindet diese Welt immer mit der Überwelt.”
Nicht der christliche Traditionalismus wird aufgenommen, wenn im Werk auch der Name von Joseph de Maistre auftaucht. Viel eher ist die Nachfolge Nietzsches spürbar – die bewundernde Kritik, mit der Gottfried Benn das Buch willkommen hieß, liegt auf dieser Linie.
Wie fruchtbar deutsche Autoren für Evola Studien waren, illustriert die Reihe seiner Übersetzungen – die zugleich Hinweise auf Geistesverwandtschaften gibt. Oswald Spenglers “Untergang des Abendlandes”, Otto Weiningers “Geschlecht und Charakter”, einzelne Schriften von J. J. Bachofen, Ernst Jünger und Hans-Joachim Schoeps zählen dazu. Die Übersetzung von Romanen Gustav Meyrinks hängt mit seinen Studien des Okkultismus zusammen. Evola war ein Verehrer des Preußentums, besonders des militärischen Kastenwesens, und übertrug diese Bewunderung dann fälschlich auf die Waffen-SS.

IDEOLOGISCHER EINZELGÄNGER

Alles, was populistisch und nationalistisch am Faschismus war, mußte Evola trotz anfänglichen Hoffnungen abstoßen und zum Kritiker der Politik von rechts her machen. Im Jahr 1930 erschien die Zeitschrift “La Torre”, in der Evola für sein spiritualistisches, traditionales Weltbild kämpfte; nach der zehnten Nummer wurde sie auf Anweisung Mussolinis unterdrückt. Einige Jahre später räumte ihm Roberto Farinacci, ein fanatischer Faschist und früherer Parteichef, in seiner Tageszeitung “Il Regime Fascista” eine Sonderseite unter dem Titel “Diorama filosofica” ein, auf der bis 1943 auch ideologische Fragen unter ausländischer Mitarbeit behandelt wurden. Der offizielle Philosoph des Regimes war Giovanni Gentile, dessen Werk zur Zeit ebenfalls ein Aufwertung erfährt; für Evola ist er ein “Historist”, der dem Regime seine Philosophie in der Nachfolge Hegels zur Verfügung stellte – ein “Historist” wie Benedetto Croce, der zurückgezogen vom öffentlichen Leben ein konsequenter Gegner des Faschismus blieb.
Mussolinis Rassengesetze riefen 1938 Evola auf den Plan. 1941 erschien seine “Sintesi di dottrina della razza”; sie veranlaßte den Duce, den Autor vorzuladen, in der Hoffnung, sich in einer eigenen Rassentheorie von dem kruden biologischen Rassismus Hitlers abzugrenzen. Doch das Projekt zerschlug sich, auch wegen Opposition in den faschistischen Reihen. Evolas Nachwort zu einer italienischen Ausgabe der “Protokolle der Weisen von Zion” von einer jüdischen Weltverschwörung, die sich längst als Fälschung erwiesen haben, zeigt die Irrwege seines spirituellen Antisemitismus – bei aller Kritik an Hitlers Rassenwahn und trotz der Zurückweisung der Verschwörungstheorien.
Nach dem Sturz Mussolinis im September 1943 und dessen Entführung nach Deutschland – Evola begegnet ihm dort wieder im Führerhauptquartier Rastenburg, als Übersetzer des Ministers Giovanni Preziosi – stellt sich der faschistische Außenseiter ohne Parteibuch der Marionettenregierung von Salò zur Verfügung – dabei muß schon der Name dieser “sozialrepublikanischen Republik” dem aristokratischen Monarchisten zuwider sein. Aber er will mit “Legionärsgeist” auch einer verlorenen Sache die Treue halten. Nach der Befreiung Roms durch die Allierten flieht er 1944 nach Wien, um von dort den Widerstand fortzusetzen. Dort erleidet er bei einer Bombardierung eine schwere Rückgratverletzung, die ihn in den Rollstuhl zwingt.

NACHSPIEL IN DER REPUBLIK

Im Nachkriegsitalien taucht Evolas Name bald als Inspirator der radikalen Rechten auf. Vom Prozeß von 1951 war anfangs die Rede. Später ist Evola einer der Ratgeber des “Ordine nuovo” unter Führung Pino Rautis, der von rechts her auf das neofaschistische MSI einzuwirken sucht. Der “evolismo” gilt als der einzige rechtsradikale Zusammenhalt innerhalb der Rechtspartei, die allmählich gemäßigter und parlamentarischer wird und die Evola als “barone magico” belächelt oder gar als “iettatore”, als Unheilbringer, meidet. In seiner Wohnung am Corso Vittorio Emanuele finden sich junge Menschen ein, denen er von seinen persönlichen Begegnungen mit Nazigrößen erzählt, auf die er aber vor allem als Orakel und einsames Beispiel elitären Daseins wirkt.
Für die Generation von 1968 wird er zu einem Schutzpatron der Gegenrevolution, zum Meister eines geheimen Bundes, eines verschworenen Ordens im Kampf gegen den dekadenten Geist der Zeit. Bestimmt gab er damals keine praktischen Anweisungen für den Rechtsterrorismus; aber er machte klar, daß der Streit wider den Feind mit “Feuer und Schwert” geführt werden müsse.
Das Buch “Gli uomini e le rovine” von 1953 nahm die Themen seines traditionalen Weltbildes wieder auf. Deutsch ist es 1991 im Hohenrain-Verlag (Tübingen – Zürich – Paris) erschienen, mit einem eingehenden Vorwort von H. T. Hansen. Den jungen Verehrern diente es als Kultbuch eines militanten Lebens. Korrekturen erfährt es allerdings durch das Buch “Cavalcare la tigre” (“Den Tiger reiten”) von 1961. Die These der “apoliteia”, der Absage an jedes Engagement konkreter Art, taucht auf. Man muß den “Tiger” der Moderne getarnt und in Gleichmut reiten, ohne sich in der Konzentration auf das eigene Innere stören zu lassen. Ein entgültiger Rückzug ins Innere, da Evolas Gedanken ohnehin im Grund unpolitischer Natur waren, wie auch einzelne Verehrer behaupten? Das ändert nichts an der Tatsache, daß er als einflußreicher Guru der Rechten wirkte, der durch sein forderndes Wesen viele der Jünger zu verhängnisvollen Aktionen verleitete.
Evola hatte in der Waffen-SS eine Wiederkehr des Ordenswesens erhofft. Himmler selber ließ seine Leute Evolas Schrift über den “heidnischen Imperialismus” – ein Ärgernis für die katholische Kirche – studieren. Mit negativem Ergebnis, denn der Ausländer Evola zeigte kein Verständnis für die “deutsche völkische Vergangenheit”. Nach dem Krieg schreibt Evola noch immer bewundernd: “Vor 1945 sah man wenigstens das wunderbare Schauspiel eines europäischen übernationalen Heeres mit dem Legionärsgeist von Freiwilligen aus verschiedenen Nationen, die sich in gemeinsamen Divisionen an der Ostfront gegen die Sowjets schlugen”. Gemeint ist die Waffen-SS, verklärt in Deutschrittertradition; in ihren Reihen fehlten allerdings die Italiener, aus deutscher Angst vor Verrat.

“REVOLUTIONÄR-KONSERVATIVE WIDERSTANDSBEWEGUNG”

Evola stellte sich mit seinem Ruf nach einer “revolutionär-konservativen Widerstandsbewegung” in die Tradition der Konservativen Revolution, jener diffusen Bewegung rechtsnationaler Zirkel, die nach dem ersten Weltkrieg in Deutschland entstanden waren und sich dann bis auf wenige Reste im nationalsozialistischen Regime auflösten. Auf seinen Vortragsreisen war er ihren Exponenten begegnet, so im Berliner Herrenclub. Marcello Veneziani geht in seiner Studie “La revoluzione conservatrice in Italia”, die eben in zweiter Auflage im Verlag Sugarco (Milano) erschienen ist, den italienischen Figuren dieser progressiv-konservativen Strömung nach. Der Autor wagt dabei auch den Anschluß an den Rechtsrutsch der Wahlen vom Frühjahr unter Berlusconi, Lega und Postfaschisten.
Evola als “konservativer Revolutionär” wirkt im Vergleich zu der disparaten politischen Equipe in Rom dieser Tage als exaltierter Träumer. Seine Hoffnungen, korrigierend auf Faschismus und Nationalsozialismus einzuwirken, mußten fehlschlagen. Nach dem Sturz der Diktatoren in Italien und Deutschland löste er sich nicht von seinen ideologischen Trugbildern, sondern half verblendet mit, daß eine neue Generation den alten Idolen verfiel und sich in ähnliche Irrwege verlor. Das Beispiel eines Unpolitischen, eines Hermetikers, der mit seinen Anachronismen von Kultur und Religion ins Feld der Politik drängte und dort rundum Schiffbruch erleiden mußte.
Die sakrale Welt der Helden, mit Scharfsinn und großen Kenntnissen entworfen und komponiert, ist mit ihren Mythen untergegangen. Was an engagierter Kulturkritik und Erforschung der Esoterik in den Schriften Bestand hat, ist schwer abzuschätzen. Allmählich tritt neben die sektiererische Gefolgschaft von Rechtszirkeln jedenfalls eine kritische und vorurteilslose Erkundung des weitläufigen Werks.

aus: Neue Züricher Zeitung, 11. November 1994, S. 43