Evola überquert die Alpen
Von Caspar von Schrenck-Notzing
Mit der deutschen Übersetzung von Evolas »Gli uomini e le rovine« (aus dem Jahre 1953) ist nunmehr ein wichtiges Werk der Metapolitik leicht erreichbar. Angesichts des, seit Beginn der sechziger Jahre durch die Verlagstäume wehenden (linksliberalen Zeit-) Geistes ist das durchaus keine Selbstverständlichkeit. Was ist Metapolitik? Der bekannte amerikanische Politikwissenschaftler Harold D. Lasswell hat einmal in einem Buchtitel zum Ausdruck gebracht, daß die Politik die Frage beantworte: »Wer kriegt was, wann, wie?« In der Metapolitik hingegen geht es nicht um das Kriegen, sondern um das Sein. Es handelt sich also um gänzlich verschiedene Ebenen, auf denen auch völlig unterschiedlich argumentiert wird. Während die Demokratie das politische Feld vom innerweltlichen Unten her konstruiert, konstruiert es die Metapolitik nicht weniger konsequent vom außerweltlichen Oben her.
Liest man bei Evola (S.155): »Die Grundlage eines jeden echten Staates ist die Transzendenz seines ihn gestaltenden Prinzips, das heißt des Prinzips der Souveränität, der Autorität und der Legitimität«, so wird der aufgeklärte Zeitgenosse das Buch wohl schnell zuklappen. Piscis hic non est omnium. Doch handelt es sich nicht um einen beliebigen Irrationalismus. Evolas Schlußfolgerungen sind aus seinen Prämis sen mit rücksichtsloser Konsequenz entwickelt. Das Undurchdachte, das gefühlsmäßige Fürwahrhalten, der ganze »sentimentale Komplex« waren ihm nicht weniger verhaßt als der Mißbrauch von Ideen für höchst irdische Zwecke. Evolas Arbeitsprinzip ist die harte Konfrontation zwischen einer Welt der Tradition und der Modernen Welt. Die beiden Hälften seines bekannteren Werkes »Revolte gegen die moderne Welt« sind so 1.) der Tradition und 2.) der Moderne gewidmet. Was man Fortschritt nennt, ist für Evola Dekadenz. Die Tradition ist das Gegen- und Urbild. Evola zählt neben Guenon zu einem der beiden bekannten Vertreter des Traditionalismus, wobei unter Tradition nicht irgendwelche Überlieferungen gemeint sind, das lebendige Erbe, sonderri eine in sich geschlossene metaphysische Sicht und die aus ihr fließende Ordnung, deren Niedergang allerdings schon in den vorchristlichen Jahrhunderten eingesetzt habe. Wissenschaft ist keineswegs der einzige mögliche Weg zur Erkenntnis: »Die Wahrheiten, die die Welt der Tradition verstehen lassen, sind nicht jene, die man ,erlernt’ oder über die man ,diskutiert’. Entweder sie sind, oder sie sind nicht. Man kann sich nur an sie erinnern (eigentlich wörtlich: sie in das Herz zurückrufen). Wenn man also die Fähigkeiten erworben hat, vom außermenschlichen Standpunkt zu sehen, der gleichzeitig der traditionale Standpunkt ist.« Die besondere Form der traditionalen Erkenntnis ist das Ergebnis des Erkenntnisweges Evolas, wie ihn der Autor in seiner Autobiographie »11 cammino del cinabro« (1963) beschrieben hat.
Der 1898 geborene Baron Giulio Cesare Evola führte den antikisierenden Schriftstellernamen Juhus Evola. Artillerie-Offizier des Ersten Weltkrieges, brach er wie einige andere Mitglieder der Kriegsgenera tion komplett mit der bürgerlichen Sekurität, was sowohl sein Denken wie seine Lebensführung betraf. Er nahm an den avantgardistischen Bewegungen der Zeit teil, Futurismus und Dadaismus. Er wandte sich der Philosophie zu, in der er eine eigene Richtung, den »Magischen Idealismus« (Novalis), entwickelte. Er studierte östliche wie westliche (Geheim-)lehren, wie seine Bücher über Tantrismus, Yoga, buddhistische Askese. aber auch über Alchemie und das Mysterium des Grals zeigen. Seine Zeit-schrift »Ur« war der »Wissenschaft vom Ich« gewidmet, die Gruppe Ur befaßte sich mit magischen Experimenten. Die esoterischen Studien gingen Ende der zwanziger Jahre in politische Stellungnahmen über. Beides lief fortan nebeneinander her. Das 1953 erschienene Buch »Menschen inmitten von Ruinen« steht an einer besonderen Stelle seines politischen Denkens, es dokumentiert seine größte Annäherung an die politische Aktivität. Das kam so: In der Zeit des Faschismus nahm Evola eine mehr oder minder geduldete Randstellung als ideenpolitischer Publizist ein. Ähnlich wie die Vertreter der Ideologenschule von Napoleon mit dem Abschluß des Konkordats (als bloße Ideologen!) an den Rand gedrängt wurden, so wurde die von Evola vertretene Position mit den Lateranverträgen (1929) aus der faschistischen Hauptströmung verdrängt. Als offene Alternative konnte sie nicht mehr existieren, wie das von der Regierung herbeigeführte Ende von Evolas Zeitschrift »La Torre« bewies. Als Rückzugsposition konnte Evola die Redaktion einer vierzehntägigen Zeitungsbeilage »Diorama filosofica« ausbauen, in der er über 10 Jahre die niveauvollen Federn der nonkonformen europäischen Rechten schreiben lassen konnte. Das Ende des Faschismus schien Evola eine direkt politische Aktivität zu ermöglichen. Noch vor dem Einmarsch der Alluerten in Rom gründete er eine »Bewegung für die Wiedergeburt Italiens«, die eine spintuelle rechte Bewegung und in Zukunft vielleicht auch eine Partei ins Leben rufen sollte. Nach Wien verschlagen, wurde er kurz vor Kriegsende durch einen alliierten Bombenangriff schwer verletzt, und brachte nach seiner Entlassung aus den Lazaretten querschnittsgelähmt ein Vierteljahrhundert in seiner römischen Wohnung zu. Er hatte bei seiner Rückkehr nach Rom erwartet, nur noch Ruinen, geistige und materielle, vorzufinden, fand zu seiner Überraschung aber einige, vor allem junge Leute, die inmitten der Ruinen aufrecht standen. Für sie schuf er mit dem besprochenen Band eine Art von traditionalem Handbuch über die Voraussetzungen politischen Handelns. uch wenn Evolas Sprache völlig ungekünlt und einfach verständlich ist, ist seine Sache unseren Zeitgenossen denkbar fremd. Der Verlag der deutschen Übersetzung glaubte daher, zur Erklärung ein umfangreiches Vorwort über Evolas politisches Wirken voranstellen zu müssen, das vor dem Leser die Ergebnisse der neueren Evola-Forschung ausbreitet. So wichtig die Hinweise sind, die aufgeführte Literatur ist in italienischer Sprache und den meisten nicht ohne weiteres greifbar. Daher ist das abschließende Verzeichnis der Schriften Evolas in deutscher Sprache umso nützlicher. Es handelt sich naturgemäß nur um ein Fragment des Gesamtwerks, das hoffentlich nach und nach auch die Alpen überqueren wird.
aus: Criticón, Nr..133, 1992, S.249f.
