Erhebung wider die moderne Welt
Von R.K.
Unser Jahrhundert hat mehrere große Entwürfe zur Erklärung der Weltgeschichte hervorgebracht, von denen die Oswald Spenglers und Arnold Joseph Toynbees die bekanntesten geworden sind. Von jeweils sehr verschiedenen Standpunkten wird die Entwicklung der Kulturen und der großen Reiche gedeutet und nach Gründen oder Prinzipien für das Entstehen und Vergehen politischer und kultureller Mittelpunkte gesucht. In unserer Zeit einer unbefriedeten, von zwei feindlichen Blöcken bedrohten Welt und geistiger Umbrüche ist die Frage nach Sinn und Verlauf einer solchen Entwicklung wieder sehr zeitnah geworden.
Der italienische Kulturphilosoph Evola (1898-1974) hat in diesem als sein Hauptwerk angesehenen Buch von 1934, das er Ende der 60er Jahre noch ergänzte und verbesserte, die Geschichte der europäisch-asiatischen Hochkulturen von der Vorzeit bis in unsere Gegenwart in einer außergewöhnlichen Weise gedeutet. Für ihn ist die historische Entwicklung ein dauernder, nur selten eine Zeitlang aufgehaltener kultureller und politischer Niedergang. Statt Fortschritt oder Höherentwicklung sieht in allem nur Verfall und Abbau von einer ursprünglichen Höhe. Das daraus von ihm abgeleitete Gesetz der Geschichte, das zugleich die Ursache für diesen Abstieg bildet, ist die Rückbildung und allmähliche Auflösung der Kasten, der vier natürlichen Gruppierungen indogermanischer Frühzeitkulturen in Krieger, Priester, Handwerker – Händler und Sklaven – Arbeiter. Mit eindringlichen Worten beschwört Evola im ersten Teil seines Werkes die Grundlagen der “traditionalen” Ordnung und des dazugehörigen, aus einer “Überwirklichkeit” heraus lebenden, Autorität verkörpernden, männlich-geistigen Menschen, wie er in der Kriegerkaste der frühen Indogermanen verkörpert war und die Hochkulturen in Südeuropa, Vorderasien, Indien und bis nach China schuf. Mit einer Fülle von Zitaten wird die Geisteswelt der arischen Inder und Perser wie der antiken Mittelmeervölker dargestellt und die übereinstimmende Universalität dieser nordisch-sonnenhaften gegenüber den südlich-erdhaften Vorstellungen aufgezeigt. Eine bis heute fast unbekannte Art des Heiligen und die Bindung an ein Oben zeigen sich mit dem daraus folgenden Streben nach oben als das Verbindende und Tragende der alten Hochkulturen vom Indus bis Rom, die im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation des Mittelalters noch einmal eine “Renaissance” erlebte, während die üblicherweise so genannte Renaissance am Beginn der Neuzeit eine Beschleunigung des Verfalls in den Augen Evolas darstellt. In den alten Institutionen wie Königtum und Patrizierwesen, Rittertum und Lehensordnung und auch in der Rolle der Geschlechter wird das natürliche Durchwalten des Prinzip des Sakralen und des Heroischen nachgewiesen, das dem heutigen gleichmacherischen Zeitgeist so entgegengesetzt ist. Hierarchien entstanden so von selbst und konnten dennoch, weil jeder an seinem Platz sich für das “Reich” einsetzen konnte, die Würde aller beachten und ohne einen Klassenkampf im heutigen Sinne auskommen.
Nachdem im ersten Teil diese Welt der Tradition und die ihr gemäßen Menschen mit ihren wichtigsten Merkmalen geschildert sind, beschreibt der zweite die Entwicklung der Geschichte nach dem Prinzip des Ablaufs von vier Weltzeitaltern, bei denen auf das ursprünglich Goldene im Ablauf des Verfalls das Silberne, dann das Bronzene und schließlich das Eiserne der Jetzt- und Endzeit folgen. Innerhalb dieser spielt sich in einzelnen Zyklen das Entstehen und Vergehen von Großreichen ab. Humanismus und Individualismus werden als “Brandmal und Losungswort” des Verfalls aufgezeigt, bei dem “freie Bahn gegeben ist für jede Übertreibung, jeden neuerungswütigen und zerstörerischen Wahnsinn, für eine ganze Welt voll grundsätzlicher Rhetorik, wo nach Ersetzung des Geistes durch ein Bild des Geistes die vom Menschen in Inzucht gezeugten Gebilde der Religion, Philosophie, Kunst, Wissenschaft und Politik keine Grenzen mehr kennen.”
Mit harten Worten werden Stellungen bezogen, die frontal den üblichen gegenüberstehen: So vertritt Evola den Standpunkt, daß Philosophie und alle Wissenschaften bedauerliche Dekadenzerscheinungen sind, daß die deutsche Reformation ein Verfallsmoment bildet, daß der Ausdruck “Arbeit adelt” einer Plebejergesinnung entspringt, daß der “Mythos der Evolution …das Glaubensbekenntnis des Emporkömmlings” ist oder daß Metternich den letzten großen Europäer in der Reihe indogermanischer Heldenfiguren darstellt. Ablehnung des technischen Fortschritts, des Positivismus und Materialismus, der großen Religionen, des Intellektualismus und demokratischer Gesinnung als Vorstufen des Kollektivismus und des Kommunismus gehören zu kennzeichnenden Überzeugungen Evolas. Die kulturzerstörenden geistigen Gemeinsamkeiten der USA und UdSSR werden sehr deutlich gemacht.
Evolas heroisch-pessimistische Zukunftsaussicht, die dem erkennenden Menschen in dem unabwendbaren Niedergang der europäischen Kultur nur als unbeirrbarem Traditionswahrer einen Sinn gibt und ihn angesichts völliger Zwecklosigkeit nicht handeln läßt, stellt mindestens teilweise einen Widerspruch zur Beschwörung indogermanischer Geisteshaltung dar und weist selbst auf dekadenten Geist hin, kann deswegen nicht sehr befriedigen.
Auch wenn der Leser nicht in allem mit Evolas entschiedener und scheinbar folgerichtiger Ansicht übereinstimmt, bietet das Buch ihm eine Unzahl von Anregungen und mit seinen vielen Zitaten und Fußnoten einen umfangreichen Einblick in das Geistesgut der frühen indogermanischen Reiche und ihrer Kulturen.
