Denken und Schauen wider den Strich
Von Frater V. D.
Julius Evola, einer der gewaltigen Geistesriesen unserer Epoche (man hat ihn mit Spengler und Ortega y Gasset gleichgesetzt), ist in Esoterikerkreisen schon lange kein Unbekannter. Seine Bücher über den Gral und die Metaphysik des Sexus sind uns noch allen im Gedächtnis. Das hier vorliegende Werk, eine leider anonyme aber dafür um so vorzüglichere Neuübersetzung der dritten, von letzter Hand verbesserten Ausgabe von 1969, erschien in erster Fassung im Original bereits 1934 und wurde ein Jahr später auch ins Deutsche übertragen. Wie so vieles, ging auch diese Studie über den Traditionalismus und die Urquelle allen Wissens im Brei der politischen Ereignisse und Ideologien unter. Die Gründe dafür sind vielfältiger Art und liegen zum Teil auch in der kontroversen Gestalt des Autors begründet, der – zeitweisen dem italienischen Faschismus nahestehend wie so viele führende Köpfe seiner Zeit – sich nie so recht in die Lager des Guten oder des Bösen einreihen ließ. So ist es auch müßig, ihn heute, wie es bisweilen gern getan wird, als “aristokratischen Anarcho-Faschisten” etikettieren zu wollen (was ihn im übrigen mit Ernst Jünger verbindet), denn damit betreibt man nur Spiegelfechterei und entzieht sich der Auseinandersetzung mit seinen weitaus ungeheuerlicheren Thesen und Visionen. Es beginnt damit, daß Evola dem selbst unter skeptischen Alternativlern unserer Zeit sehr gängigen Fortschrittsglauben den Garaus macht. Evolution ist ihm ein garstiges Fremdwort, eine “Kadaverweisheit”, wohl das, was Thomas Mann (über den Spiritismus) einmal als “Köhlerglaube” und “Gesindestubenmetaphysik” verhöhnte. Alles, aber auch alles, was wir unserer heiligen Kuh “Zivilisation” umgehängt und als Opfergaben dargeboten haben, ist für Evola nichts als erbärmliche Dekadenz. Ihr stellt er die “traditionale Welt” gegenüber, die zu definieren schwer fällt.
Bekanntlich gehört es zum magischen Weltbild, nicht nur die Gegenstände selbst sondern auch die Zwischenräume, die sie miteinander verbinden (wohlgemerkt nicht trennen!), wahrzunehmen. Ähnlich verfährt auch Evola mit mythologischen und geistesgeschichtlichen Quellen. Es ist ein intellektueller und auch intuitiver Balanceakt, ein Sprung entlang der Raum-Zeit-Achse, den man als Leser nur noch fasziniert und atemlos zu folgen vermag. Nicht mit positivistischen (Pseudo-) “Tatsachen” jongliert dieser kulturphilosophische Trapezkünstler und neu- bzw. endzeitliche Schamanendenker, sondern mit Ganzheiten und erahnten Zusammenhängen von erschreckend einleuchtender Beweiskraft. Er leugnet unsere liebgewonnenen Grenzen, “Objektivität” und “Subjektivität” sind ihm eitler Tand, der Mythos ist wahrer als die Historie, die Legende aufschlußreicher als die verbriefte Urkunde. Dem Historiker ein Greuel, dem Theologen ein Albtraum – so offenbart dieser Autor sich als gnostischer Häresiarch von ganz besonderem Schrot und Korn. Auch wird sich manch biederer Esoteriker vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn ihm klargemacht wird, daß die Geschichte aus Zyklen des Niedergangs und nicht der Erhöhung zum mittlerweile ja reichlich abgelatschten Wassermannzeitalter besteht.
Initiation, Ritus und Askese sind Evola echtere Realitäten als Schlachten, Investiturstreit und Staatsverträge. Der Mensch der traditionalen Welt (die in unseren Breiten für ihn mit Hellas und Rom endete) erlebt die Zwischenräume intensiver als den Lug und Trug der Maya, wie ihn uns unserer Sinnesorgane vorgaukeln. Es gehört schon eine gewaltige Portion Offenheit, Pessimismus oder Demut dazu, zuzugeben, daß die Kultur und das Seiende nicht miteinander identisch sind, und manches Mal führt uns der Autor in Zeit-Dimensionen, die höchstens noch dem Quantenphysiker zugänglich sind – oder eben dem Mystiker und Magier, jenem Fossil der traditionalen Welt, dem ein Äon nur ein Augenblick ist.
Nun unterscheidet sich Evola freilich in manchem von den Mitgliedern der Kristallkugel-Kaffeekränzchen. Er handelt nicht kritiklos mit irgendwelchen Durchsagen geistig unterbelichteter Schutzengel, sondern zeigt uns ein Tableau von Fakten und Historizitäten, wie wir es sonst nur – und auch dies in weitaus engerem und daher um so exzentrischerem Rahmen – von Velikovsky kennen. Wer einen zum Teil prästrukturalistischen Rundumschlag durch die Religionen und Mythen vertragen und goutieren kann, der kommt hier voll auf seine Kosten. Evola geht es dabei immer eher um Spiritualität als um Religion, und seine Helden – ja, auch dieser Terminus ist hier angebracht – sind Sonnendenker, was auch mancher Emanze nicht eben schmecken dürfte.
Elitär ist Evola, und billiger Optimismus ist ihm fremd. Er zeigt Morbidität auf, ohne uns die Salben zu nennen, die die schwärenden Wunden heilen könnten. Zwar will er kein Determinist sein, doch welcher gute Pessimist ließe sich schon gerne als solchen bezeichnen? Ein Konservativer ist Evola, aber einer, an dem Kirchen und Parteien nicht viel Freude haben werden, sieht er in ihnen doch nur Symptome einer verrotteten, verdummten Welt. Das Christentum ist ihm wohl eine Religion der Revolution, doch eine, die die Pöbelherrschaft und die Gleichmacherei etablierte und die heroische, hierarchische Alte Welt anfocht. In diesen Tiraden ist er durchaus Kind seiner Zeit, und man fühlt sich an Crowleys Schmähschriften wider die eklen “Sklavengötter” erinnert. Evolas Traditionalismus beginnt dort, wo für die meisten Konservativen bereits der dunkle Schleier der Vorgeschichte wabert. Ein Heide ist Evola, aber keiner von der Neo-Rousseauschen Sorte, wie sie heutzutage wieder vermehrt weltweit durch die Wälder turnen, sondern ein stolzer Barbar, der nicht gekommen ist, um Rom zu zerstören, sondern um es zu reinigen. Ein hochgebildeter Wüterich freilich, der die Schliche seiner Gegner bis aufs kleinste i-Tüpfelchen durchschaut hat.
Es versteht sich eigentlich von selbst, daß man diesem Werk nicht mit herkömmlichen Mitteln der Kritik und der Auseinandersetzung beikommen kann. Wer derart dezidiert, polemisch und brillant alles wider den Strich bürstet, was uns Schule, Universität und Tagespresse als historische, religiöse und ontologische Wirklichkeit verkaufen, der kann in der Regel nur zweierlei herausfordern: bedingungslose Unterwerfung und Akzeptanz, oder geifernde Kritik und Ablehnung. Hierin liegt auch das eigentlich Gefährliche an diesem Werk: seine Brillanz grenzt ans Demagogische, sein virtuoses Spiel auf der Klaviatur der Geschichte betört und benebelt die Sinne – doch wer dazu geboren ist, der wird vielleicht zwischen all den gewagten Konstruktionen, ja Klitterungen die eine Wahrheit durchschimmern sehen, die sich nicht in Worten fassen läßt. Denn das Tao, das beschrieben werden kann, ist nicht das göttliche Tao.
So wird das Buch selbst zu einem Instrument der Initiation, doch ist dieser Weg voller Fallen und Fußangeln. Denn wer glaubt, nun endlich die Bestätigung für seinen völkisch-nationalen Neo-Konservativismus gefunden zu haben, der läuft ebenso heftig und tragisch ins Messer wie der materialistische Kritikaster, der sich bereits diebisch freut, endlich mal wie einen “echten Rechten” in die Pfanne hauen zu können. Evola ist, worauf selten hingewiesen wird, den amerikanischen Transzendentalisten weitaus mehr verpflichtet als dem französischen Personalismus und steht einem Thoreau sogar noch näher als seinem Seelenbruder Nietzsche. Doch das ist ein weites Feld für eine schmale Rezension…
Jede Wertung ist eine ideologische – und hier ganz besonders. Evola setzt sich mit Genuß in die Nesseln und zwingt seinen Rezensenten dazu, das gleiche zu tun. Ist das vielleicht eine höchst unfaire und enorm subtile Gemeinheit von ihm? Nein, es ist das gute Recht eines Denkers und Auguren, wie wir ihn seit Bachofen, Spengler und Eckstein-Diener nicht mehr auf diesem Planeten gesehen haben – zumindest nicht im Abendland. Wen dieses Buch kalt läßt, der ist entweder heilig – oder…?
