Das Mysterium des Grals
Von Martin Schwarz
Nach langer Zeit ist eines der Hauptwerke des italienischen Kulturphilosophen Julius Evola wieder in deutscher Sprache erhältlich. Ein Vorwort des bekannten Evola-Kenners H. T. Hansen erleichtert den Zugang zu dem anspruchsvollen Werk. “Das Mysterium des Grals” ist nicht ein Werk über eine esoterische Abseitigkeit, sondern über einen zentralen Mythos des Abendlandes: “In der einen oder anderen Form kehrt in allen großen Traditionen des Altertums, und insbesondere in den indogermanischen, die Vorstellung eines mächtigen Weltherrschers immer wieder, eines unsichtbaren, jedes sichtbare Königtum überragendes Reiches; eines Ortes, der im höheren Sinne die bedeutung eines Pols, einer Achse, eines unverwandelbaren Mittelpunktes hat, und der als festes Land in der Mitte des Lebensozeans, als heilige, unantastbare Gegend, als Lichtland oder ‘Sonnenland’ versinnbildlicht wird.” (Gralsmysterium und Kaisergedanke) Das Thema dieses Buches ist demnach: DAS REICH. Das Reich, das derzeit nur ein inneres Reich sein kann. Evolas Bestreben war es, diesem inneren Reich, auch wieder zu einer äußeren Entsprechung, einer politischen Realität zu verhelfen. Gerade in einer Zeit in der fast täglich neue Sensationsbücher erscheinen, die den Gral als außerirdisches Gerät (Fiebag, Die Entdeckung des Grals), als körperliche Abstammung von Jesus (Lincoln, Baignet, Leigh, Der Heilige Gral und seine Erben) oder als bloß literarischen Topos erscheinen lassen, ist ein Buch wie dieses von höchstem Wert. Evola zeigt auf, daß es sich bei der Gralssage weder um einen literarischen Einfall noch um eine originär christliche Überlieferung handelt, sondern um ein in christlicher und literarischer Verkleidung erscheinenden Grundgedanken der indogermanischen Tradition. Evola schreibt: “Das Symbol des Grals in seiner Reinheit verstehen und leben, würde heute die Erweckung von Kräften vedeuten, die einen transzendenten Bezugspunkt für das liefern könnten, was sich morgen, nach einer großen Krise, in ‘Gestalt einer Epoche, die über die Nationen hinausgeht’ , zeigen könnte”: die Epoche des Imperiums, des Reiches, das noch kommen wird müssen, nachdem seine unvollständigen Vorläufer endgültig zerronnen sind.
